Mittwoch, 23. September 2009

Priskos (410/420-vor 472): Ein Gastmahl am Hofe Attilas

Aus dem Berichte des griechischen Rhetors Priscus, welcher im Jahre 448 mit einer oströmischen Gesandtschaft an den Hof des Hunnenkönigs kam. Griechischer Text bei Niebuhr, Corpus scriptt. hist. Byzant. 1829, I, 202 fg., und Althof, Waltharii Poesis, I, S. 177 fg.

- "Als wir (1) in das Zelt zurückgekehrt waren, kam der Vater des Orestes (2) und sagte, daß Attila und beide zum Mahle lade, und zwar werde es um die neunte Stunde des Tages stattfinden. Wir beobachteten die festgesetzte Zeit, und zum Mahle gerufen, kamen wir und auch die Gesandten der Weströmer und standen auf der Schwelle Attila gegenüber. Die Weinschenken reichten uns nach der Landessitte einen Becher, damit auch wir vor dem Niederlassen einen Glückwunsch ausbringen möchten. Als wir dies gethan und aus dem Becher gekostet hatten, gingen wir zu den Sesseln, auf denen man beim Gastmahle sitzen sollte. Alle Stühle standen längs den Wänden des Gemaches an zwei gegenüberliegenden Seiten. In der Mitte aber saß auf einem Tafelbette Attila, und hinter ihm war ein anderes Tafelbett ausgebreitet, von welchem einige Stufen nach seinem Nachtlager führten, welches zum Schmuck mit feinen Linnen und bunten Vorhängen verhüllt war, ähnlich den Lagern, welche die Hellenen und Römer den Brautleuten herrichten. Für die vornehmste Platzreihe der Tafelgenossen hielten sie die Seite rechts von Attila, für die zweite die linke, wo wir waren und Berichos, ein Mann aus edlem scythischen Geschlechte, der jedoch über uns saß. Denn Onegis (3) saß auf einem Sessel an der rechten Seite des königlichen Bettes, und dem Onegis gegenüber saßen auf einem Sessel zwei Söhne Attilas. Der älteste aber saß auf dem Bette des Königs, nicht nahe bei ihm, sondern an dem Ende und sah aus Ehrfurcht vor dem Vater zu Boden. Als alle der Ordnung gemäß Platz genommen hatten, kam der Weinschenk und überreichte Attila ein hölzernes Trinkgefäß (4) voll Wein. Nachdem dieser es in Empfang genommen hatte, grüßte er den ersten im Range. Wer aber durch den Gruß geehrt wurde, erhob sich und durfte sich nicht eher setzen, als bis er entweder gekostet oder auch ausgetrunken und den Becher dem Schenken zurückgegeben hatte. Dem Attila aber, welcher sitzen blieb, bezeigten die Anwesenden auf dieselbe Weise ihre Ehrfurcht, indem sie die Becher nahmen und nach einem Heilwunsche daraus tranken. Bei einem jeden war aber ein besonderer Schenk, welcher der Reihe gemäß eintreten mußte, wenn Attilas Schenk hinausging. Nachdem der zweite und die folgenden gegrüßt worden waren, bewillkommte Attila auch uns nach der Ordnung der Sitze. Als nun alle durch Attila geehrt worden, gingen die Schenken hinaus, und es wurden Tische neben den des Attila gestellt für drei oder vier oder auch mehr Männer, von denen jeder sich von dem auf den Tisch Gesetzten nehmen konnte, ohne aus der Reihe der Sessel herauszutreten. Und zuerst trat herein der Diener Attilas, eine Platte mit Fleisch tragend, und diejenigen, welche alle bedienten, setzten nach ihm Brot und Zukost auf die Tische. Aber für die übrigen Barbaren und für uns waren üppige Gerichte zubereitet, die auf silbernen Tellern lagen; für Attila aber stand auf einer hölzernen Platte nichts als Fleisch. Einfach zeigte er sich auch in allem anderen, denn den am Schmause teilnehmenden Männern wurden goldene und silberne Becher gegeben, sein Trinkgefäß aber war aus Holz. Schlicht war auch seine Kleidung, welche keine andere Sorgfalt zeigte, als daß sie sauber war. Auch waren weder sein umgegürtetes Schwert noch die Bänder seiner Barbarenschuhe noch das Zaumzeug seines Rosses wie bei den anderen Scythen mit Gold oder Steinen oder irgend einer Kostbarkeit geschmückt. Als die auf den ersten Schüsseln aufgetragenen Speisen verzehrt waren, standen wir alle auf, und nicht eher kam der Stehende wieder auf seinen Sessel, als bis jeder nach der früheren Reihenfolge den ihm kredenzten vollen Becher Weines ausgetrunken und dem Attila Heil gewünscht hatte. Als dieser auf solche Weise geehrt worden war, setzten wir uns, und es wurde die zweite Platte, welche andere Gerichte hatte, auf jeden Tisch gesetzt. Als auch von dieser alle genommen hatten, standen wir auf dieselbe Weise auf, tranken wiederum aus und setzten uns. Als der Abend herankam, wurden Fackeln angezündet, und zwei Barbaren, welche Attila gegenüber traten, trugen von ihne verfaßte Gesänge vor, die seine Siege und kriegerischen Tugenden priesen. Auf die Sänder blickten die Tafelgenossen, und die einen freuten sich über die Gedichte, die anderen wurden begeistert, indem sie sich der Kriege erinnerten, andere aber, denen der Leib durch das Alter schwach geworden und deren Mut zur Ruhe gezwungen war, brachen in Thränen aus. Nach dem Vortrage der Gesänge kam ein scythischer Narr herein, der wunderliches und unsinniges Zeug vorbrachte und bei allen Gelächter erregte. Nach ihm trat der Maurusier (5) Zerkon ein. Ediko (6) hatte ihn nämlich beredet, vor Attila zu erscheinen, um durch seine (Edikos) Bemühung die Gattin wiederzuerhalten, welche er im Barbarenlande genommen hatte, da er bei Bleda (7) gut angeschrieben war; er hatte sie aber im Scythenlande zurückgelassen, als er von Attila als Geschenk an Aëtius (8) geschickt wurde. Aber in dieser Hoffnung wurde er getäuscht, weil Attila darüber zürnte, daß er in sein Land zurückgekehrt war. Er kam also bei der günstigen Gelegenheit des Gastmahls, und durch Aussehen, Kleidung, Stimme und zusammengestammelten Reden, in denen er lateinische, hunnische und gotische Sprache vermengte, erheiterte er alle und bewirkte, daß sie in unauslöschliches Gelächter ausbrachen, außer Attila. Denn dieser blieb unerschütterlich und sein Antlitz unbewegt, und er zeigte weder in Worten noch im Thun etwas, was Heiterkeit verriet, außer daß er den jüngsten seiner Söhne, Namens Ernas (Irnach), als dieser eintrat und zu ihm kam, in die Wange kniff und mit freundlichen Augen anblickte. Als ich mich wunderte, daß er die anderen Kinder wenig achte und allein auf diese seine Aufmerksamkeit richte, da sagte der neben mir sitzende Barbar, welcher der lateinischen Sprache mächtig war, nachdem er zuvor gesagt hatte, ich möge nichts von dem, was er mir mitteilen wolle, weiter erzählen, die Wahrsager hätten Attila verkündet, daß sein Geschlecht herunterkommen, aber durch jenen Sohn wieder in die Höhe gebracht werden würde. Als sie aber das Gelage in die Nacht hinein zogen, gingen wir fort, da wir an dem Trinken nicht länger mehr teilnehmen wollten. - - -
Unterdessen lud auch Reka, die Gemahlin Attilas, uns zum Mahle ein in das Haus des Adames, der ihre Geschäfte besorgte, und als wir zugleich mit einigen Vornehmen aus dem Volke zu ihm kamen, fanden wir freundliche Aufnahme. Denn er empfing uns mit liebreichen Worten und prächtig zugerüstetem Mahle, und ein jeder von den Anwesenden erhob sich und reichte uns mit scythischer Höflichkeit einen gefüllten Becher, und wenn man ihn ausgetrunken hatte, so umhalste und küßte er einen und nahm ihn wieder an sich. Nach dem Mahle gingen wir in das Zelt und legten uns schlafen. Am folgenden Tage lud uns Attila wiederum zur Tafel, und als wir in der früheren Weise bei ihm eingetreten waren, wandten wir uns den Tafelgenüssen zu. Es traf sich aber, daß auf dem Tafelbette zugleich mit ihm selbst nicht der älteste der Söhne, sonder Oëbarsios, der Bruder seines Vaters, saß. Während des ganzen Mahls redete er freundlich mit uns und befahl uns, dem Basileus zu melden, u.s.w. - - Nach Anbruch der Nacht entfernten wir uns von dem Mahle. - -"

(1) Priscus und der byzantinische Gesandte Maximinus, auf dessen Bitten der Erstgenannte an der Reise teilgenommen hatte.
(2) Ein Römer aus dem den Hunnen unterworfenen Päonien, welcher den Gesandten Attilas an den Kaiserhof nach Byzanz begleitet hatte.
(3) Ein vornehmer Mann und Vertrauter Attilas.
(4) Kissibion, ein Becher aus Epheuholz, wie ihn die Landleute brauchten, z.B. der "göttliche Sauhirt" Eumäus bei Homer Od. 14, 78 und 16,52.
(5) Mauritanier.
(6) Edigo, ein großer Kriegsheld, Anführer der germanischen Skiren, von Priscus unrichtig als Scythe bezeichnet, war als Gesandter Attilas vorher in Byzanz gewesen.
(7) Im Nibelungenlied Blödel, Bruder Attilas und sein Mitregent, bis er um 445 von ihm ermordet wurde.
(8) Der berühmte Feldherr des weströmischen Reiches und Besieger Attilas hatte sich einst als Geisel und später als Flüchtling eine Zeitlang bei den Hunnen aufgehalten.



Quelle: Hermann Althof: Das Waltharilied. Ein Heldensang aus dem zehnten Jahrhundert. Leipzig 1902.

Mittwoch, 16. September 2009

Arany János: Die Barden von Wales

Es reitet König Eduard
im Schritt auf seinem Falben.
"Was ist sie wert, die Landschaft Wales?
Man zeig mir's allenthalben.

Gibt's fette Äcker, saft'ges Gras,
auch Wald und firische Quellen?
Ob auch der Boden fruchtbar ward
vom Blute der Rebellen?

Und ob das Volk, das biedere Volk
sein Glück darauf gefunden,
wie ich es will, so brav und still
wie Vieh, ins Joch gebunden?"

"Wales ist fürwahr der schönste Stein
in deiner Königskrone.
Das weite Feld zeigt, gut bestellt,
daß sich die Mühe lohne.

Und auch das Volk, das arme Volk,
lebt glücklich hier, Majestät,
wenn längst auch blind die Hütten sind
und wie die Gräber öd."

Es reitet König Eduard
im Schritt auf seinem Falben.
Wohin er ritt, wohin er schritt,
war Stille allenthalben.

Er kam nach Burg Montgomery,
als schon die Sonne sank.
Montgomery, der Herr der Burg,
kredenzt ihm Speis und Trank.

Und Wild und Fisch kam auf den Tisch,
erlesne Leckerbissen.
Der Diener Schar, wohl hundert gar,
hat schwer dran schleppen müssen.

Und was man fand in diesem Land
für fürstliche Gelüste,
trug man herein, auch Sekt und Wein
von ferner Meeresküste.

"Ihr Herrn, und keiner hebt für mich
sein Glas nach alter Art?
Waliser Hunde seid ihr doch,
kein Hoch für Eduard?

Steht Wild und Fisch auch auf dem Tisch,
was Aug und Mund behagt,
ich sehe hier, daß alle ihr
den Teufel im Herzen tragt.

Elende Hunde seid ihr doch!
Kein Hoch klingt an mein Ohr?
Wo ist, der meine Taten rühmt?
Ein Barde trete vor!"

Die Herren sahn sich schweigend an,
die Gäste jäh erblichen,
auf ihrem Antlitz war der Zorn
der blassen Furcht gewichen.

Die Stimme bricht, das Wort erstickt,
der Atem scheint zu stocken.
Wie eine weiße Taube erhebt
ein Greis sich mit weißen Locken.

"Hier ist, der deine Taten rühmt.
Hör zu", spricht der Ergraute;
Geklirr von Stahl und Todesqual
entlockt er seiner Laute.

"Geklirr von Stahl und Todesqual,
blutrot der Sonne Bahn,
Blutstrom verlockt des Nachts sich das Wild,
König, das hast du getan!

Tausende hast du niedergemäht
wie Garben, Mann neben Mann.
Verzweiflung, Tränen überall,
König, das hast du getan!"

"Auf den Scheiterhaufen! Ein böses Lied!"
Hört man den König schrein.
"Ich wünsche sanfteren Gesang!"
Ein junger Bard tritt ein.

"Es säuselt sanft der Abendwind
her von der Milford-Bucht.
Er bringt der Waisen Jammerschrei:
König, du seist verflucht!

Gebier nicht, Frau, und still kein Kind
zum Sklaven für dies Reich..."
Ein Wink - und er wird abgeführt
mit jenem Greis zugleich.

Doch kühn und ungerufen stellt
ein dritter Sänger sich hin.
Sein Saitenspiel hat Klänge viel,
sein Wort nur einen Sinn:

"Die Besten fielen in der Schlacht -
vernimm das, Eduard -,
es lebt kein Barde, der dich rühmt
nach guter alter Art.

Noch unvergessen brennt der Schmerz,
vernimm das, Eduard.
Ein Fluch auf dich ist jedes Wort,
das hier gesungen ward."

"Das wird man sehn", kam der Befehl,
und alle ringsum erstarrten.
"Auf den Scheiterhaufen mit jedem Rebell,
mit jedem Waliser Barden!"

Und auseinander stob der Troß
mit dem Befehl im Lande.
So spielte sich das Festmahl ab,
Montgomerys Schmach und Schande.

Und Englands König Eduard sprengt
fort auf seinem Falben.
Rundum in Brand das ganze Land,
es lodert allenthalben.

Fünfhundert Barden, jung und alt,
den Scheiterhaufen betraten,
nicht einer war dazu bereit,
zu preisen Eduards Taten.

"Ha, ha, wer schreit? Was für ein Lied
auf Londons Straßen man hört?
Aufhängen laß ich den Lord Mayor,
wenn ein Geräusch mich stört."

Still wird's sofort an jedem Ort
aus Angst vor strengen Strafen.
Den Tod bringt schon ein lauter Ton!
Der König kann nicht schlafen!

"Ha, Pfeifen, Trommeln, Musik herbei
und schmetternde Posaunen!
Laßt nicht das Festgelag von Wales
den Fluch ins Ohr mir raunen!"

Doch über Pfeifen und Trommeln hinweg
und durch das Hörnerklingen
hört man fünfhundert Barden laut
das Lied der Märtyrer singen.

ANNEMARIE BOSTROEM

Arany János: Brückenweihe

"Verdammt! Jetzt setz ich doppelt, Leute!"
Der Jüngling sprach's, die Karte fällt.
"Um alles oder nichts geht's heute!
Mein letzter Coup, mein letztes Geld!"...
Vorbei! Verspielt! Vom Glück geprellt!...

Die Hoffnung eines jungen Lebens
vertan, zunichte jäh gemacht!
Ein Widerruf - zu spät, vergebens!
Um alles hat er sich gebracht!...
Er wankt hinaus... Schwarz ist die Nacht.

Vor ihm der Strom... Noch wehn die Fahnen,
der neuen Brücke Feierkleid,
an Margarete zu gemahnen,
die heilige Jungfrau, der man heut
sie fromm und festlich hat geweiht.

Zur Brückenmitte, wo die Streben
vernietet sind, treibt ihn sein Leid,
indes vier Türme rings anheben
ihr dumpfes Mitternachtsgeläut,
und Sternglanz blinkt im Strom verstreut.

Die Uhren hallen her von ferne
teils hell, teils tief, der Jüngling lenkt
den Blick zum Spiegelbild der Sterne,
wo spukhaft, wenn die Flut sich senkt,
ein Schwarm von Köpfen aufwärts drängt.

Jünglinge, Mädchen, Kinder, Greise!...
Neugierig scheinen sie zu sein...
Sie tauchen auf, erst flüsternd leise,
bis sie beginnen laut zu schrein:
"Kommt, weiht die neue Brücke ein!

Wer springt als erster von uns allen?"...
Ein Liebespaar in Weiß erscheint,
schwebt hoch zur Brücke, läßt sich fallen
und ruft umarmt: "Im Tod vereint!
Die Welt war unsrer Liebe feind!"

Und dann steht auf dem Brückenbogen
ein Millionär... Beifall erklingt.
"Die Schuldner haben mich betrogen!
Ich tu das nicht!" - ruft er... und springt.
Aufschäumt die Flut, die ihn verschlingt.

Der dritte tritt an die Barriere.
"Ein Wechsel platzte mir! Ich hab
verpaßt den Zahltag! Meine Ehre
ist hin! Ich wasch die Schande ab!"
- stöhnt er - und stürzt ins Wellengrab.

Die Wellen kreiseln, und der vierte,
ein Jüngling, sprungentschlossen spricht:
"Als ich die Prima absolvierte,
ging aus das Geld mir armen Wicht,
Kredit jedoch bekam ich nicht!"

Ein würdiger Greis mit weißen Haaren
schleppt sich zur Brücke nun hinauf:
"Zu lang zog ich den Lebenskarren,
der Lohn blieb aus, ich geb es auf!
Strom, nimm mich hin in deinen Lauf!"

Gelangweilt klagt dann ihre Leiden
ein Dämchen, zart geschminkt und fein:
"Ich hab es satt, mich umzukleiden
für andere tagaus, tagein!",
und stürzt sich in den Strom hinein.

Drauf steigt mit protzigem Gehabe
steifbeinig ein Skelett empor,
und knarrt: "Vor meinem Marschallstabe
floh selbst Napoleon, dieser Tor!" -
"Der Narr!" - raunt rings der Toten Chor.

Ein Bursch in Lumpen hört ihn prahlen,
springt ins Genick ihm, sodaß sie
zusammen in die Fluten fallen.
"Herr Meister" - ruft der Junge - "nie
legst du mich wieder übers Knie!"

"Steinreich war ich, doch jetzt bekommen
mir keinerlei Genüsse mehr!" -
"Die Jüngere hat der Kerl genommen,
so treu ich ihm auch war bisher!"
- Sie klagen, springen kreuz und quer.

"Das Los entschied. Ich hab geschworen
mich selbst zu richten - nun wohlan!" -
"Ich hatte alle Scham verloren,
hab mir dadurch verscherzt den Mann!
Donau, nimm du als Braut mich an!"

Dann, nicht mehr einzeln, nein, in Reihen
springen sie von der Brücke ab,
wirbeln wie Vögel hoch und schreien,
fallen wie Fische stumm hinab,
zum Tod gewillt im Wellengrab.

Schaumkronen steigen wie Fontänen,
Luftblasen quellen rings herauf.
Die Todessüchtigen kreisen, stöhnen
dem Mühlrad gleich hinab, hinauf.
Die Donau nimmt sie alle auf.

Der Jüngling starrt in dies Getümmel,
steht wie betäubt, sieht gar nichts mehr.
Und wilder stets wird das Gewimmel
in pausenloser Wiederkehr.
Jäh reißt der Sog ihn hinterher...

Wer kann dem Wahnsinn widerstehen,
der Hölle Zauber brechen, wer
die Schicksalsuhren rückwärts drehen?...
'Eins' schlägt es dröhnend, dumpf und schwer...
Der Mond sieht Strom und Brücke - leer.

MARTIN REMANÉ

Mittwoch, 9. September 2009

Goethe: Lieblich ist des Mädchens Blick

Lieblich ist des Mädchens Blick, der winket;
Trinkers Blick ist lieblich, eh er trinket,
Gruß des Herren, der befehlen konnte,
Sonnenschein im Herbst, der sich besonnte.
Lieblicher als alles dieses habe
Stets vor Augen, wie sich kleiner Gabe
Dürftge Hand so hübsch entgegendränget,
Zierlich dankbar, was du reichst, empfänget.
Welch ein Blick! ein Gruß! ein sprechend Streben!
Schau es recht und du wirst immer geben.

Goethe: Reitest du bei einem Schmied vorbei

Reitest du bei einem Schmied vorbei,
Weißt du nicht, wann er dein Pferd beschlägt;
Siehst du eine Hütte im Felde frei,
Weißt nicht, ob sie dir ein Liebchen hegt;
Einem Jüngling begegnest du, schön und kühn,
Er überwindet dich künftig oder du ihn.
Am sichersten kannst du vom Rebstock sagen,
Er werde für dich was Gutes tragen.
So bist du denn der Welt empfohlen,
Das übrige will ich nicht wiederholen.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben: Das Lied der Deutschen

Helgoland 26. August 1841

Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt,
Wenn es stets zum Schutz und Trutze
Brüderlich zusammenhält,
Von der Maas bis an die Memel,
Von der Etsch bis an den Belt -
Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt!

Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang
Sollen in der Welt behalten
Ihren alten schönen Klang,
Uns zu edler Tat begeistern
Unser ganzes Leben lang -
Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang!

Einigkeit und Recht und Freiheit
Für das deutsche Vaterland!
Danach laßt uns alle streben
Brüderlich mit Herz und Hand!
Einigkeit und Recht und Freiheit
Sind des Glückes Unterpfand -
Blüh im Glanze dieses Glückes,
Blühe, deutsches Vaterland.

Friedrich Wilhelm Nietzsche: Narr in Verzweiflung.

Ach! Was ich schrieb auf Tisch und Wand
Mit Narrenherz und Narrenhand,
Das sollte Tisch und Wand mir zieren?...

Doch ihr sagt: "Narrenhände schmieren, –
Und Tisch und Wand soll man purgieren,
Bis auch die letzte Spur verschwand!"

Erlaubt! Ich lege Hand mit an –,
Ich lernte Schwamm und Besen führen,
Als Kritiker, als Wassermann.

Doch, wenn die Arbeit abgethan,
Säh’ gern ich euch, ihr Ueberweisen,
Mit Weisheit Tisch und Wand besch……

Robert Schneider: »SCHLAFES BRUDER«

Neben Patrick Süskinds Roman »Das Parfum« (1985) ist Robert Schneiders
Roman »Schlafes Bruder« (1992) einer der wenigen Verkaufserfolge der deutschen
Gegenwartsliteratur; neues Aufsehen erregte die Verfilmung des Stoffs durch
Joseph Vilsmaier im Herbst 1995.

Inhalt:

Anfang des 19. Jahrhunderts wird der Protagonist, Johannes Elias Alder (genannt Elias) in einem kleinen vorarlbergerischen Dorf, dessen Bewohner seit vielen Jahren nur zweierlei Nachnamen aufweisen, geboren. Als leiblicher Sohn des Kurats wächst er im Hause des Seff Alder, des Ehemanns seiner Mutter, auf.

Von seiner Mutter abgelehnt und die ersten Jahre im Zimmer eingesperrt, erlebt er im Alter von fünf Jahren eine übermenschliche Verschärfung seines Gehörs, die ihn in eine mehrminütige Trance fallen lässt. Während dieses Hörerlebnisses pubertiert er lange vor der Zeit und die Iris seiner Augen färbt sich gelb, was ihm die Schandnamen „Mannkind“ und „Gelbseich“ einbringt. Von diesem Zeitpunkt an ist er besessen von der Liebe zu einem ungeborenen Kind, dessen Herzschlag er aus dem Dorf vernommen hat. Monate später stellt sich heraus, dass es seine Cousine Elsbeth ist.

Elias besitzt eine übermenschliche Gabe für die Musik. Er trainiert seine Stimme, bis er in der Lage ist, in allen erdenklichen Tonlagen zu singen und fast alle Dorfbewohner zu imitieren. Peter, sein gleichaltriger Cousin und Elsbeths Bruder, ist auf unbeschreibliche bzw. homophile Weise von Elias fasziniert. Später, als sich Elias fasziniert von der wenn auch dürftigen Orgelmusik während der Gottesdienste nachts in die Kirche schleicht, um sich selbst das Orgelspiel beizubringen, wird er sein Balgtreter.

Am Weihnachtsfest, Elias ist in seinem zwölftem Lebensjahr, entzündet Peter aus Zorn über die Misshandlungen seines Vaters den heimischen Hof. Elias, der die Flammen als erster entdeckt, rettet die schlafende Elsbeth aus dem brennenden Haus des Onkels. Der Föhnwind bläst die Flammen auf andere Gehöfte, sodass bis zum Morgen das halbe Dorf verbrannt ist. Elias allein weiß, dass Peter das Feuer gelegt hat, doch er schweigt aus Liebe zu seinem einzigen Freund.

Elias entwickelt sich zu einem, für die von sozialer Inzucht geprägten Verhältnisse des Dorfes, gut aussehenden Mann, der zudem noch fleißig und von ungewohnt vornehmer Umgangsweise ist. Nach dem Tod des wenig begabten Organisten und Dorflehrers Oskar nimmt er dessen Platz ein. Sein unbeschreibliches musikalisches Genie verschafft ihm ein hohes Ansehen, obgleich er aufgrund seines andersartigen Wesens immer ein Sonderling bleibt.

Seine Liebe zu Elsbeth wächst stetig, sie bestimmt sein ganzes Handeln und seine Musik. Als die beiden sich allmählich – rein freundschaftlich – näher kommen, überkommt Peter die Eifersucht und er arrangiert eine baldige Hochzeit zwischen seiner Schwester und Lukas, dem Sohn eines wohlhabenden Bauern. Peter begehrt Elias auf ihm unbegreifliche Weise und will ihn nicht an seine Schwester verlieren. Elsbeth, die es Zeit ihres Lebens gewohnt ist, keine Ansprüche zu stellen, fügt sich in ihr Schicksal und ist zufrieden.

Elias beginnt mit Gott zu hadern, er kann nicht begreifen, warum dieser ihn zu derartiger Liebe entbrennen lässt und Elsbeth dann einen anderen heiraten soll. Während einer verzweifelten Nacht, in der er den Herrn beschimpft und anklagt, hat er eine göttliche Vision. Als er am nächsten Morgen erwacht, ist die Liebe zu Elsbeth aus seinem Herzen, so wie das Gelb aus seinen – nun wieder grünen – Augen gewichen. Über die Leere in seinem Herzen wird Elias lethargisch und depressiv. Er beginnt sich die schmerzliche Liebe zurückzuwünschen, da er eine unerfüllte Liebe nun als erträglicher ansieht als gar keine Liebe.

Als Elias 22 Jahre alt ist, wird der Feldberger Domorganist Goller zufällig Zeuge seines schier übermenschlichen Orgelspiels. Fassungslos bittet Goller ihn zum Orgelfest nach Feldberg zu kommen. Peter, der die große Chance des Freundes wittert, überredet den antriebslosen Elias, der Einladung zu folgen, und begleitet ihn nach Feldberg.

Als Elias beim Orgelfest über den Choral „Kömm, o Tod, du Schlafes Bruder“ (aus der Kantate „Ich will den Kreuzstab gerne tragen“ von Johann Sebastian Bach) extemporiert, ergreift das Orgelspiel sämtliche Zuhörer auf nie gekannte Weise. Elias selbst entflammt in neuer Liebe zu Elsbeth und beschließt seinem Leben, gleich dem Gedanken des Chorals ein Ende zu setzen.

Auf dem Rückweg in sein Heimatdorf erinnert er sich der Worte eines Wanderpredigers, dem er einmal gelauscht hat und der sagte, dass ein wahrhaft Liebender niemals schlafe. Er beschließt so lange wach zu bleiben, bis der Tod kommt. Peter, der ihm schwören muss, niemandem etwas zu sagen, wird der einzige Zeuge seines mehrere Tage währenden Selbstmordes. Johannes Elias Alder stirbt letztendlich an den Tollkirschen, die er zu sich genommen hat, um nicht einzuschlafen. Peter begräbt den geliebten Freund und findet endlich Frieden.

Mittwoch, 11. März 2009

Wolfgang Borchert: Das Brot

Plötzlich wachte sie auf. Es war halb drei. Sie überlegte, warum sie aufgewacht war. Ach so!
In der Küche hatte jemand gegen einen Stuhl gestoßen. Sie horchte nach der Küche. Es war
still. Es war zu still und als sie mit der Hand über neben sie fuhr, fand sie es leer. Das war
es, was es so besonders still gemacht hatte: sein Atem fehlte. Sie stand auf und tappte
durch die dunkle Wohnung zur Küche. In der Küche trafen sie sich. Die Uhr war halb drei.
Sie sah etwas weißes am Küchenschrank stehen. Sie machte Licht. Sie standen sich im
Hemd gegenüber. Nachts. Um halb drei. In der Küche. Auf dem Küchentisch stand der
Brotteller. Sie sah, daß er sich Brot abgeschnitten hatte. Das messer lag noche neben dem
Teller. Und auf der Decke lagen Brotkrümel. Wenn si abends zu Bett gingen, machte sie
immer das Tischtuch sauber. Jeden Abend. Aber nun lagen Krümel auf dem Tuch. Und das
Messer lag da. Sie fühlte, wie die Kälte der Fliesen langsam an ihr hochkoch. Und sie sah
vor dem Teller weg.
“Ich dachte, hier wäre was”, sagte er und ash in der Küche umher.
“Ich habe auch was gehört”, antwortete sie und dabei fand sie, daß er nachts im Hemd doch
schon recht alt aussah. So alt wie er war. Dreiundsechzig. Tagsüber sah er manchmal
jünger aus. Sie sieht doch schon alt aus, dachte er, im Hemd sieht sie doch ziemlich alt aus.
Aber das liegt vielleicht an den Harren. Die machen dann auf einmal so alt.
“Du hättest Schuhe anziehen sollen. So barfuß auf den kalten Fliesen. Du erkältest dich
doch.”
Sie sah ihn nicht an, weil sie nicht ertragen konnte, daß er log. Daß er log, nachdem sie
neununddreißig Jahre verheiratet waren.
“Ich dachte, hier wäre was”, sagte er noch einmal und sah wieder so sinnlos von einer Ecke
in die andere, “ich hörte hier was. Da dachte ich, hier wäre was.”
“Ich hab auch was gehört. Aber es war wohl nichts.” Sie stellte den Teller vom Tisch und
schnippte die Krümel von der Decke.
“Nein, es war whole nichts”, echote er sicher.
Sie kam ihm zu Hilfe: “Komm man. Das war wohl draußen. Komm man zu Bett. Du erkältest
dich doch. Auf den kalten Fliesen.”
Er sah zum Fenster hin. “Ja, das muß wohl draußen gewesen sein. Ich dachte, es wäre
hier.”
Sie hob die Hand zum Lichtschalter. Ich muß das Licht jetzt ausmachen, sonst muß ich nach
dem Teller sehen, dachte sie. Ich darf doch nicht nach dem Teller sehen. “Komm man”,
sagte sie und machte das Licht aus, “das war wohl draußen. Die Dachrinne schlägt immer
bei Wind gegen die Wand. Es war sicher die Dachrinne. Bei Wind klappert sie immer.”
Sie tappten sich beide über den dunklen Korridor zum Schlafzimmer. Ihre nackten füße
platschten auf den Fußboden.
“Wind ist ja”, meinte er. “Wind war schon die ganze nacht.” Als sie im Bett lagen, sagte sie:
“Ja, Wind war schon die ganze Nacht. Es war wohl die Dachrinne.”
“Ja, ich dachte, es wäre in der Küche. Es war wohl die Dachrinne.” Er sagte das, als ob er
schon halb im Slchaf wäre.
2
Aber sie merkte, wie unecht seine Stimme klang, wenn er log. “Es ist kalt”, sagte sie und
gähnte leise, “ich krieche unter die Decke. Gute Nacht.”
“Nacht”, antwortete er und noch: “ja, kalt ist es schon ganz schön.”
Dann war es still. Nach vielen Minuten hörte sie, dass er leise und vorsichtig kaute. Sie
atmete absichtlich tief und gleichmäßig, damit er nicht merken sollte, daß sie noch wach war.
Aber sein Kauen war so regelmäßig, daß sie davon langsam einschlief.
Als er an nächsten Abend nach Hause kam, schob sie ihm vier Scheiben Brot. Sonst hatte er
immer nur drei essen können.
“Du kannst ruhig vier essen”, sagte sie und ging von der Lampe weg. “Ich kann dieses Brot
nicht so recht vertragen. Iß du man eine mehr. Ich vertrag es nicht so gut.”
Sie sah, wie er sich tief über den Teller beugte. Er sah nicht auf. In diesem Augenblick tat er
ihr leid.
“Du kannst doch nicht nur zwei Scheiben essen”, sagte er auf seinen Teller.
“Doch. Abends vertrag ich das Brot nicht gut. Iß man. Iß man.”
Erst nach einer Weile setzte sie sich unter die Lampe an den Tisch.


In W.B.: Das Gesamtwerk. Mit einem biograph. Nachw. Von Bernhard Meyer-Marwitz.
Hamburg: Rowohlt, 1949. S. 304-306. © 1949 Rowohlt Verlag, Hamburg.

Karl Heinrich Waggerl: Mein Stock

Mein Stock hängt an einer Lederschlaufe neben der Tür. Viele Stöcke hängen da, denn ich komme selten einmal von einer Reise zurück, ohne einen tüchtigen Stecken mit zubringen, den ich mir irgendwo unterwegs geschnitten habe. Es weht mich warm und würzig an, wenn ich einen wieder in die Hand nehme. –Tessin! denke ich. Eicheln regnet es um mich her wie in den alten Wäldern an der Alller, oder es faucht mir eine feuchter Wind entgegen, und das muss an westlichen Küsten gewesen sein; dieser Stock ist aus dem Sanddorn geschnitzt. Die meisten meiner Prügel büße ich ja bald wieder ein, sie sind zu handlich für allerlei Geschäfte im Haus, um damit in verstopften Rohren herumzustochern, und manchmal werfe ich auch selber einen hinter den Buben her, wenn sie im Garten den Vogelnestern nachtrachten. Der Stock, von dem ich eigentlich reden wollte, der mit der Lederschlaufe, kam auf seltsame Weise in meinen Besitz, es ist keine rühmliche Geschichte.

Einmal im Winter, an einem stürmischen Abend, klopfte es noch an der Tür. In solchen Zeiten lasse ich gern das Licht vor dem Haus brennen, damit mir die Nacht nicht zu nah an die Fenster kommt. Nun ging ich also verdrossen, um nach diesem späten Gast zu sehen. Der Wind riss mir gleich die Klinke aus der Hand, Treibschnee fegte in den Flur, ein verteufeltes Wetter. Draußen stand ein alter Mann auf den Stufen, ich kannte ihn. Er kam oft vorüber, klopfte und hielt mir die Hand entgegen. Nie sagte er ein Wort des Grußes oder des Dankes, er sah mich nur an mit seinen wässrigen Trinkeraugen, und ich gab ihm, was mir eben einfiel, ein Endchen Wurst oder etliche Groschen aus der Hosentasche. Über der Schulter trug er einen Stock und daran hing ein Sack, aber was mich ärgerte, war sein kahler Kopf, es lag ihm wahrhaftig schon Schnee auf dem Schädel. Da nahm ich meine wollene Haube vom Haken, ein wenig schwankte der Alte, als ich ihm die Mütze über die Ohren zog und dann ging er wortlos davon, wie die leibhaftigen guten Werke.

Das aber war der Augenblick, in dem ich mich hätte besinnen müssen. Ich hätte an die rückwärtige Kammer denken sollen, o ja, ich dachte auch daran. Dort stand ein leeres Bett bereit, Tisch und Stuhl für einen Gast und es war warm und behaglich in dieser Stube. Es gab auch noch Suppe in der Küche oder ein Butterbrot, und eine halbe Flasche Bier auf dem Fensterbrett. Aber zugleich dachte ich an mein sauberes Haus und dass dieser Kerl hereintappen würde, nass und dreckig und weithin nach Branntwein stinkend. Wie er seine Fetzen auf den gewachsten Boden fallen ließe und unter das frische Leintuch kröche, mitsamt seinem Grind und seinen Läusen. Und da schlug ich die Tür zu und ließ das ganze Unbehagen draußen, Sturm und Kälte und alles miteinander. Zwei Tage später kam der Totengräber und zeigte mir einen Stock, eine großartige Arbeit, aus Nussbaumholz geschnitzt. Den Knauf bildete ein bärtiger Kopf und auch aus den Astknoten sahen lauter Gesichter, alle mit offenen Mündern, als schrien sie aus dem Holz.

Ob ich das Ding etwa kaufen wolle? fragte der Mann. Er habe nun doch diesen Alten eingraben müssen, diesen Josef, eine Schinderei in dem gefrorenen Boden und nichts dafür zu lösen. Gut, ich nahm den Stecken für ein anständiges Geld. „Mach ihm auch ein Kreuz auf das Grab“, sagte ich. „Wann ist er denn gestorben?“ „Gestorben eigentlich nicht“, sagte der Totengräber, „erfroren“. Ich muss noch etwas hinzufügen, nur für mich, es soll niemanden beschweren: Das Böse, das wir tun, wird uns Gott vielleicht verzeihen. Aber unverziehen bleibt das Gute, das wir nicht getan haben.

Donnerstag, 11. Dezember 2008

Theodor Fontane (1819-1898): Ein neues Buch, ein neues Jahr

Ein neues Buch, ein neues Jahr
was werden die Tage bringen?

Wirds werden, wie es immer war,
halb scheitern, halb gelingen?

Ich möchte leben, bis all dies Glühn
rücklässt einen leuchtenden Funken.

Und nicht vergeht, wie die Flamm im Kamin,
die eben zu Asche gesunken.

Dienstag, 9. Dezember 2008

Heinrich Heine (1797-1856): Altes Kaminstück

Draußen ziehen weiße Flocken
Durch die Nacht, der Sturm ist laut;
Hier im Stübchen ist es trocken,
Warm und einsam, stillvertraut.

Sinnend sitz ich auf dem Seßel,
An dem knisternden Kamin,
Kochend summt der Waßerkeßel
Längst verklungne Melodien.

Und ein Kätzchen sitzt daneben,
Wärmt die Pfötchen an der Glut;
Und die Flammen schweben, weben,
Wundersam wird mir zu Mut.

Dämmernd kommt heraufgestiegen
Manche längst vergeßne Zeit,
Wie mit bunten Maskenzügen
Und verblichner Herrlichkeit.

Schöne Frauen, mit kluger Miene,
Winken süßgeheimnisvoll,
Und dazwischen Harlekine
Springen, lachen, lustigtoll.

Ferne grüßen Marmorgötter,
Traumhaft neben ihnen stehn
Märchenblumen, deren Blätter
In dem Mondenlichte wehn.

Wackelnd kommt herbeigeschwommen
Manches alte Zauberschloß;
Hintendrein geritten kommen
Blanke Ritter, Knappentroß.

Und das alles zieht vorüber,
Schattenhastig übereilt -
Ach! da kocht der Keßel über,
Und das naße Kätzchen heult.

Karl Heinrich Waggerl (1897-1973): Die stillste Zeit im Jahr

Immer am zweiten Sonntag im Advent stieg der Vater auf den Dachboden und brachte die große Schachtel mit dem Krippenzeug herunter. Ein paar Abende lang wurde dann fleißig geleimt und gemalt, etliche Schäfchen waren ja lahm geworden, und der Esel mußte einen neuen Schwanz bekommen, weil er ihn in jedem Sommer abwarf wie ein Hirsch sein Geweih. Aber endlich stand der Berg wieder wie neu auf der Fensterbank, mit glänzendem Flitter angeschneit, die mächtige Burg mit der Fahne auf den Zinnen und darunter der Stall. Das war eine recht gemütliche Behausung, eine Stube eigentlich, sogar der Herrgottswinkel fehlte nicht und ein winziges ewiges Licht unter dem Kreuz. Unsere Liebe Frau kniete im seidenen Mantel vor der Krippe, und auf der Strohschütte lag das rosige Himmelskind, leider auch nicht mehr ganz heil, seit ich versucht hatte, ihm mit der Brennschere neue Locken zu drehen. Hinten standen Ochs und Esel und bestaunten das Wunder. Der Ochs bekam sogar ein Büschel Heu ins Maul gesteckt, aber er fraß es ja nie. Und so ist es mit allen Ochsen, sie schauen nur und schauen und begreifen rein gar nichts.

Weil der Vater selber Zimmermann war, hielt er viel darauf, daß auch sein Patron, der heilige Joseph, nicht nur so herumlehnte, er dachte sich in jedem Jahr ein anderes Geschäft für ihn aus. Joseph mußte Holz hacken oder die Suppe kochen oder mit der Laterne die Hirten einweisen, die von überallher gelaufen kamen und Käse mitbrachten oder Brot oder was sonst arme Leute zu schenken haben.

Es hauste freilich ein recht ungleiches Volk in unserer Krippe, ein Jäger, der zwei Wilddiebe am Strick hinter sich herzog, aber auch etliche Zinnsoldaten und der Fürst Bismarck und überhaupt alle Bestraften aus der Spielzeugkiste.

Ganz zuletzt kam der Augenblick, auf den ich schon tagelang lauerte. Der Vater klemmte plötzlich meine Schwester zwischen die Knie, und ich durfte ihr das längste Haar aus dem Zopf ziehen, ein ganzes Büschel mitunter, damit man genügend Auswahl hatte, wenn dann ein golden gefiederter Engel darangeknüpft und über der Krippe aufgehängt wurde, damit er sich unmerklich drehte und wachsam umherblickte.

Das Gloria sangen wir selber dazu. Es klang vielleicht ein bißchen grob in unserer breiten Mundart, aber Gott schaut seinen Kindern ja ins Herz und nicht in den Kopf oder aufs Maul. Und es ist auch gar nicht so, daß er etwa nur Latein verstünde.

Mitunter stimmten wir auch noch das Lieblingslied der Mutter an, das vom Tannenbaum. Sie beklagte es ja oft, daß wir so gar keine musikalische Familie waren. Nur sie selber konnte gut singen, hinreißend schön für meine Begriffe, sie war ja auch in ihrer Jugend Kellnerin gewesen. Wir freilich kamen nie über eine Strophe hinaus. Schon bei den ersten Tönen fing die Schwester aus übergroßer Ergriffenheit zu schluchzen an. Der Vater hielt ein paar Takte länger aus, bis er endlich merkte, daß seine Weise in ein ganz anderes Lied gehörte, etwa in das von dem Kanonier auf der Wacht. Ich selber aber konnte in meinem verbohrten Grübeln, wieso denn ein Tannenbaum zur Winterzeit grüne Blätter hatte, die zweite Stimme nicht halten. Daraufhin brachte die Mutter auch mich mit einem Kopfstück zum Schweigen und sang das Lied als Solo zu Ende, wie sie es gleich hätte tun sollen. Advent, sagt man, sei die stillste Zeit im Jahr. Aber in meinem Bubenalter war es keineswegs die stillste Zeit. In diesen Wochen lief die Mutter mit hochroten Wangen herum, wie mit Sprengpulver geladen, und die Luft in der Küche war sozusagen geschwängert mit Ohrfeigen. Dabei roch die Mutter so unbeschreiblich gut, überhaupt ist ja der Advent die Zeit der köstlichen Gerüche. Es duftet nach Wachslichtern, nach angesengtem Reisig, nach Weihrauch und Bratäpfeln. Ich sage ja nichts gegen Lavendel und Rosenwasser, aber Vanille riecht doch eigentlich viel besser, oder Zimt und Mandeln.

Mich ereilten dann die qualvollen Stunden des Teigrührens. Vier Vaterunser das Fett, drei die Eier, ein ganzer Rosenkranz für Zucker und Mehl. Die Mutter hatte die Gewohnheit, alles Zeitliche in ihrer Kochkunst nach Vaterunsern zu bemessen, aber die mußten laut und sorgfältig gebetet werden, damit ich keine Gelegenheit fände, den Finger in den köstlichen Teig zu tauchen. Wenn ich nur erst den Bubenstrümpfen entwachsen wäre, schwor ich mir damals, dann wollte ich eine ganze Schüssel voll Kuchenteig aufessen, und die Köchin sollte beim geheizten Ofen stehen und mir dabei zuschauen müssen! Aber leider, das ist einer von den Knabenträumen geblieben, die sich nie erfüllt haben.

Am Abend nach dem Essen wurde der Schmuck für den Christbaum erzeugt. Auch das war ein unheilschwangeres Geschäft. Damals konnte man noch ein Buch echten Blattgoldes für ein paar Kreuzer beim Krämer kaufen. Aber nun galt es, Nüsse in Leimwasser zu tauchen und ein hauchdünnes Goldhäutchen herumzublasen. Das Schwierige bei der Sache war, daß man vorher nirgendwo Luft von sich geben durfte. Wir saßen alle in der Runde und liefen braunrot an vor Atemnot, und dann geschah es eben doch, daß jemand plötzlich niesen mußte. Im gleichen Augenblick segelte eine Wolke von glänzenden Schmetterlingen durch die Stube. Einerlei, wer den Zauber verschuldet hatte, das Kopfstück bekam jedenfalls ich, obwohl es nur bewirkte, daß sich der goldene Unsegen von neuem in die Lüfte hob. Ich wurde dann in die Schlafkammer verbannt und mußte Silberpapier um Lebkuchen wickeln, um ungezählte Lebkuchen.

Kurz vor dem Fest, sinnigerweise am Tag des ungläubigen Thomas, mußte der Wunschzettel für das Christkind geschrieben werden, ohne Kleckse und Fehler, versteht sich, und mit Farben sauber ausgemalt. Zuoberst verzeichnete ich anstandshalber, was ja ohnehin von selber eintraf, die Pudelhaube oder jene Art von Wollstrümpfen, die so entsetzlich bissen, als ob sie mit Ameisen gefüllt wären. Darunter aber schrieb ich Jahr für Jahr mit hoffnungsloser Geduld den kühnsten meiner Träume, den Anker-Steinbaukasten, ein Wunderwerk nach allem, was ich davon gehört hatte. Ich glaube ja heute noch, daß sogar die Architekten der Jahrhundertwende ihre Eingebungen von dorther bezogen haben.

Aber ich selber bekam ihn ja nie, wahrscheinlich wegen der ungemein sorgfältigen Buchhaltung im Himmel, die alles genau verzeichnete, gestohlene Zuckerstücke und zerbrochene Fensterscheiben und ähnliche Missetaten, die sich durch ein paar Tage auffälliger Frömmigkeit vor Weihnachten auch nicht mehr abgelten ließen.

Wenn mein Wunschzettel endlich fertig vor dem Fenster lag, mußte ich aus brüderlicher Liebe auch noch den für meine Schwester schreiben. Ungemein zungenfertig plapperte sie von einer Schlafpuppe, einem Kramladen, lauter albernes Zeug. Da und dort schrieb ich wohl ein heimliches "Muß nicht sein" dazu, aber vergeblich. Am Heiligen Abend konnte sie doch eine Menge von Früchten ihrer Unverschämtheit ernten.

Der Vater, als Haupt und Ernährer unserer Familie, brauchte natürlich keinen Wunschzettel zu liefern. Für ihn dachte sich die Mutter in jedem Jahr etwas Besonderes aus. Ich erinnere mich noch an ein Sitzkissen, das sie ihm einmal bescherte, ein Wunderwerk aus bemaltem Samt, mit einer Goldschnur eingefaßt. Er bestaunte es auch sehr und lobte es überschwenglich, aber eine Weile später schob er es doch heimlich wieder zur Seite. Offenbar wagte es nicht einmal er, auf einem röhrenden Hirschen zu sitzen, mitten im Hochgebirge.

Für uns Kinder war es hergebracht, daß wir nichts schenken durften, was wir nicht selber gemacht hatten. Meine Schwester konnte sich leicht helfen, sie war ja immerhin ein Frauenzimmer und verstand sich auf die Strickerei oder sonst eine von diesen hexenhaften Weiberkünsten, die mir zeitlebens unheimlich gewesen sind. Einmal nun dachte auch ich etwas Besonderes zu tun. Ich wollte den Nähsessel der Mutter mit Kufen versehen und einen Schaukelstuhl daraus machen, damit sie ein wenig Kurzweil hätte, wenn sie am Fenster sitzen und meine Hosen flicken mußte. Heimlich sägte ich also und hobelte in der Holzhütte, und es geriet mir auch alles vortrefflich. Auch der Vater lobte die Arbeit und meinte, es sei eine großartige Sache, wenn es uns nur auch gelänge, die Mutter in diesen Stuhl hineinzulocken.

Aber aufgeräumt, wie sie am Heiligen Abend war, tat sie mir wirklich den Gefallen. Ich wiegte sie, sanft zuerst und allmählich ein bißchen schneller, und es gefiel ihr ausnehmend wohl. Niemand merkte jedenfalls, daß die Mutter immer stiller und blasser wurde, bis sie plötzlich ihre Schürze an den Mund preßte - es war durchaus kein Gelächter, was sie damit ersticken mußte. Lieber, sagte sie hinterher, weit lieber wollte sie auf einem wilden Kamel durch die Wüste Sahara reiten, als noch einmal in diesem Stuhl sitzen! Und tatsächlich, noch auf dem Weg zur Mette hatte sie einen glasigen Blick, etwas seltsam Wiegendes in ihrem Schritt.



Zur Person: Der österreichische Schriftsteller Karl Heinrich Waggerl stammt aus Bad Gastein und wurde zunächst Lehrer. Diesen Beruf musste er krankheitsbedingt aufgeben, und er wurde erfolgreicher Schriftsteller. Einfachheit des Erzählens, gütiger Humor und Tiefgründigkeit kennzeichnen seine Bücher, die er auf vielen Lesereisen im deutschsprachigen Raum vorstellte. Die Einvernahme seines Werkes durch den Nationalsozialismus konnte er nicht verhindern.

Ernst Jandl: ottos mops

ottos mops

ottos mops trotzt
otto: fort mops fort
ottos mops hopst fort
otto: soso

otto holt koks
otto holt obst
otto horcht
otto: mops mops
otto hofft

ottos mops klopft
otto: komm mops komm
ottos mops kommt
ottos mops kotzt
otto: ogottogott


aus: Ernst Jandl, Der künstliche Baum & Flöda und der Schwan (= luchterhand, e.j. poetische Werke, Band 4), S. 60

Wolfgang Borchert: Nachts schlafen die Ratten doch

Das hohle Fenster in der vereinsamten Mauer gähnte blaurot voll früher Abendsonne. Staubgewölke flimmerte zwischen den steilgereckten Schornsteinresten. Die Schuttwüste döste.

Er hatte die Augen zu. Mit einmal wurde es noch dunkler. Er merkte, daß jemand gekommen war und nun vor ihm stand, dunkel, leise. Jetzt haben sie mich! dachte er. Aber als er ein bißchen blinzelte, sah er nur zwei etwas ärmlich behoste Beine. Die standen ziemlich krumm vor ihm, daß er zwischen ihnen hindurchsehen konnte. Er riskierte ein kleines Geblinzel an den Hosenbeinen hoch und erkannte einen älteren Mann. Der hatte ein Messer und einen Korb in der Hand. Und etwas Erde an den Fingerspitzen.

Du schläfst hier wohl, was? fragte der Mann und sah von oben auf das Haargestrüpp herunter. Jürgen blinzelte zwischen den Beinen des Mannes hindurch in die Sonne und sagte: Nein, ich schlafe nicht. Ich muß hier aufpassen. Der Mann nickte: So, dafür hast du wohl den großen Stock da?
Ja, antwortete Jürgen mutig und hielt den Stock fest.
Worauf paßt du denn auf?
Das kann ich nicht sagen. Er hielt die Hände fest um den Stock.
Wohl auf Geld, was? Der Mann setzte den Korb ab und wischte das Messer an seinen Hosenbeinen hin und her.
Nein, auf Geld überhaupt nicht, sagte Jürgen verächtlich. Auf ganz etwas anderes.

Na, was denn?
Ich kann es nicht sagen. Was anderes eben.
Na, denn nicht. Dann sage ich dir natürlich auch nicht, was ich hier im Korb habe. Der Mann stieß mit dem Fuß an den Korb und klappte das Messer zu.
Pah, kann mir denken, was in dem Korb ist, meinte Jürgen geringschätzig, Kaninchenfutter.
Donnerwetter, ja! sagte der Mann verwundert, bist ja ein fixer Kerl. Wie alt bist du denn?
Neun. Oha, denk mal an, neun also. Dann weißt du ja auch, wie viel drei mal neun sind, wie?
Klar, sagte Jürgen, und um Zeit zu gewinnen, sagte er noch: Das ist ja ganz leicht. Und er sah durch die Beine des Mannes hindurch. Dreimal neun, nicht? fragte er noch einmal, siebenundzwanzig. Das wußte ich gleich.
Stimmt, sagte der Mann, und genau soviel Kaninchen habe ich. Jürgen machte einen runden Mund: Siebenundzwanzig?
Du kannst sie sehen. Viele sind noch ganz jung. Willst du?
Ich kann doch nicht. Ich muß doch aufpassen, sagte Jürgen unsicher. Immerzu? fragte der Mann, nachts auch?
Nachts auch. Immerzu. Immer. Jürgen sah an den krummen Beinen hoch. Seit Sonnabend schon, flüsterte er.
Aber gehst du denn gar nicht nach Hause? Du mußt doch essen.
Jürgen hob einen Stein hoch. Da lag ein halbes Brot und eine Blechschachtel. Du rauchst? fragte der Mann, hast du denn eine Pfeife?
Jürgen faßte seinen Stock fest an und sagte zaghaft: Ich drehe. Pfeife mag ich nicht.
Schade, der Mann bückte sich zu seinem Korb, die Kaninchen hättest du ruhig mal ansehen können. Vor allem die Jungen. Vielleicht hättest du dir eines ausgesucht. Aber du kannst hier ja nicht weg.
Nein, sagte Jürgen traurig, nein, nein.
Der Mann nahm den Korb hoch und richtete sich auf. Na ja, wenn du hierbleiben mußt - schade. Und er drehte sich um.
Wenn du mich nicht verrätst, sagte Jürgen da schnell, es ist wegen den Ratten. Die krummen Beine kamen einen Schritt zurück: Wegen den Ratten?
Ja, die essen doch von Toten. Von Menschen. Da leben sie doch von.
Wer sagt das?
Unser Lehrer.
Und du paßt nun auf die Ratten auf? fragte der Mann.
Auf die doch nicht! Und dann sagte er ganz leise: Mein Bruder, der liegt nämlich da unten. Da. Jürgen zeigte mit dem Stock auf die zusammengesackten Mauern. Unser Haus kriegte eine Bombe. Mit einmal war das Licht weg im Keller. Und er auch. Wir haben noch gerufen. Er war viel kleiner als ich. Erst vier. Er muß hier ja noch sein. Er ist doch viel kleiner als ich.

Der Mann sah von oben auf das Haargestrüpp. Aber dann sagte er plötzlich: Ja, hat euer Lehrer euch denn nicht gesagt, daß die Ratten nachts schlafen?
Nein, flüsterte Jürgen und sah mit einmal ganz müde aus, das hat er nicht gesagt. Na, sagte der Mann, das ist aber ein Lehrer, wenn er das nicht mal weiß. Nachts schlafen die Ratten doch. Nachts kannst du ruhig nach Hause gehen. Nachts schlafen sie immer. Wenn es dunkel wird, schon.
Jürgen machte mit seinem Stock kleine Kuhlen in den Schutt. Lauter kleine Betten sind das, dachte er, alles kleine Betten.
Da sagte der Mann (und seine krummen Beine waren ganz unruhig dabei): Weißt du was? Jetzt füttere ich schnell meine Kaninchen und wenn es dunkel wird, hole ich dich ab. Vielleicht kann ich eins mitbringen. Ein kleines oder, was meinst du? Jürgen machte kleine Kuhlen in den Schutt. Lauter kleine Kaninchen. Weiße, graue, weißgraue. Ich weiß nicht, sagte er leise und sah auf die krummen Beine, wenn sie wirklich nachts schlafen.
Der Mann stieg über die Mauerreste weg auf die Straße. Natürlich, sagte er von da, euer Lehrer soll einpacken, wenn er das nicht mal weiß.
Da stand Jürgen auf und fragte: Wenn ich eins kriegen kann? Ein weißes vielleicht?
Ich will mal versuchen, rief der Mann schon im Weggehen, aber du mußt hier solange warten. Ich gehe dann mit dir nach Hause, weißt du? Ich muß deinem Vater doch sagen, wie so ein Kaninchenstall gebaut wird. Denn das müßt ihr ja wissen. Ja, rief Jürgen, ich warte. Ich muß ja noch aufpassen, bis es dunkel wird. Ich warte bestimmt. Und er rief: Wir haben auch noch Bretter zu Hause. Kistenbretter, rief er.
Aber das hörte der Mann schon nicht mehr. Er lief mit seinen krummen Beinen auf die Sonne zu. Die war schon rot vom Abend, und Jürgen konnte sehen, wie sie durch die Beine hindurchschien, so krumm waren sie. Und der Korb schwenkte aufgeregt hin und her. Kaninchenfutter war da drin. Grünes Kaninchenfutter, das war etwas grau vom Schutt.